Berg aus schwarzem Glas ist der dritte Band des Otherland-Zyklus von Tad Williams. In den ersten beiden Bänden verschlug es die Gefährten in das Otherland-Netzwerk, wo sie erste Hinweise fanden, was sich hinter dem gigantischen Projekt verbirgt. Im dritten Teil werden viele Rätsel gelüftet, und beinahe alle Fäden laufen zusammen. Einerseits wird die Story vorangetrieben: man erfährt viel über das Netzwerk, wie das System arbeitet, wo seine Stärken und Schwächen liegen und warum es zu gelegentlichen Totalausfällen kommt. Andererseits liegt das Hauptaugenmerk auf den Charakteren. Die Hintergründe der meisten verschleierten Figuren werden aufgedeckt.

Der anfängliche Lakai und Helfershelfer Dread schwingt sich auf, die Gralsbruderschaft zu stürzen und das Netzwerk endlich als sein privates Jagdrevier nutzen zu können. Der todkranke Junge Orlando Gardiner muss sich entscheiden, ob er vor seinem endgültigen physischen Ableben noch einmal seine Eltern sehen will oder sich am Bewältigen einer großen Aufgabe beteiligt. Major Sorensen stellt sich gegen sein Land, um dem verkrüppelten Fadenzieher zu helfen, seinen Agenten im Netzwerk das Leben zu retten. Auf viele Figuren kommen riesige Veränderungen zu, die ihr gesamtes Leben über den Haufen werfen und es unendlich winzig und unwichtig erscheinen lassen. Für alle Beteiligten wird die Zeit knapp. Die Gralsbruderschaft muss das Otherland-Projekt vollenden, weil ihr Anführer sich der Loyalität seiner Gefolgsleute nicht mehr sicher sein kann. Die Gefährten hingegen merken, daß sie sich beeilen müssen, um die finsteren Pläne der Bruderschaft noch zu verhindern. Wenn die Bruderschaft erst ihr Leben in das System transferiert hat, werden sie Götter sein und die Gefährten einfach zermalmen. Das Tempo wird gehörig angezogen, die Spannung steigt.

Die Handlung ist eigentlich simpel. Ohne es zu ahnen, haben alle Gefährten die gleiche Aufgabe, nämlich zum allerersten Environment zu gelangen, nach Troja, auf die Mauern Ilions. Was genau sie dort sollen, wissen sie noch nicht, und der Weg dorthin birgt noch so manche Gefahr. Wieder einmal werden im Netzwerk fantastische Welten geschaffen, ob nun ein riesiges Haus, das für seine Bewohner die ganze Welt darstellt, oder die Welt des Odysseus. In der realen Welt dagegen versuchen die Fadenzieher, ihre jeweiligen Partner im Netz so gut wie möglich zu unterstützen. Erschwerend ist der Umstand, daß die Gefährten voneinander isoliert sind, so daß eine Abstimmung aufeinander nicht möglich ist.

Tad Williams' erzählerische Mittel suchen ihresgleichen. Die Charakterzeichnung der einzelnen Gefährten ist derartig vielschichtig, daß man beinahe den Überblick verliert. Allmählich erkennt der Leser die Zusammenhänge, die die ganze Zeit im Hintergrund zu erahnen waren. Die Landschaftsbeschreibungen innerhalb der Environments sind famos, wenn auch manchmal etwas zu ausschmückend. Der letzte Schauplatz jedoch, Troja, ist glänzend gestaltet. Homers Ilias erwacht zu neuem Leben und wird teilweise neu erzählt. Die zwischenmenschlichen Beziehungen erreichen ungeahnte Tiefen, und es werden beeindruckende Parallelen erzeugt. Man erlebt die Geschehnisse praktisch aus einem Dutzend verschiedener Perpektiven, denn jeder sieht das Netzwerk mit anderen Augen. Für den Buschmann !Xabbu aus dem Okawango ist alles eine Metapher in Bezug auf seine Weltansschauung, für den Straßenjungen Javier sprengt die Bedrohung sein Vorstellungsvermögen, und schließlich gibt es den verzweifelten Familienvater Joseph, der für all das keine große Begeisterung aufbringen kann und einfach nur seine Kinder retten will.

Die euphorischen Kritiker dieser epischen Cyberspace Saga haben recht: Tad Williams produziert Unterhaltung pur. Langweilige Lesephasen bleiben ausgeschlossen. Otherland hat sich zu einem Standardwerk der modernen Fantasyliteratur entwickelt. Ob die letzten tausend Seiten wohl das halten, was die faszinierenden dreitausend davor versprochen haben?

(mad)