von Jamie Delano, John Ridgway und Alfredo Alcala
© Schreiber & Leser
ISBN 3-93318-703-6
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John Constantine - Hellblazer: Erbsünde
"Der Kampf zwischen Himmel und Hölle wird auf der Erde entschieden.“ Mit diesem Slogan möchte Warner Bros das Publikum in den neuen Horror-Streifen Constantine locken. Gar nicht übel. Kampf, Himmel, Hölle - das sind Schlagwörter, die das Adrenalin ankurbeln. Als Grundlage für den Film diente die okkulte Comic-Serie Hellblazer. Beide haben nur wenig gemeinsam.
Keanu Reeves ist schon ein echt cooler Typ. Auf der Leinwand trägt er einen schwarzen Anzug und wirft mit Unmengen von Sprüchen um sich. In der Hand hält er eine bizarre Waffe, eine Mischung aus christlichem Kreuz und Granatenwerfer. So ausgerüstet kann es losgehen zur fröhlichen Dämonenjagd. Er spielt John Constantine, Hauptfigur des gleichnamigen Films, der am 17. Februar in den deutschen Kinos anlief. Sein Gesichtsausdruck lässt ahnen: Dieser Mann hat etwas vor. Was genau, kann leider niemand richtig sagen.
John Constantine leidet in Los Angeles unter seinem ruhigen und friedlichen Leben. Sein größtes Problem besteht eigentlich darin, ein Misanthrop zu sein. Stets macht er ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, raucht dabei eine Kippe nach der nächsten und treibt zur Ablenkung hier und da Dämonen aus. Als er herausfindet, dass die Balance von Himmel und Hölle bedroht ist, wird er unruhig und stellt Nachforschungen an. Seine Intuition hat ihn nicht im Stich gelassen, etwas Übles ist im Busch: Luzifers Sohn Mammon will auf die Erde kommen und ein Reich des Schreckens errichten.
Weil das Böse leider nicht allmächtig ist, sondern sich an Regeln zu halten hat, muss Mammon den Speer des Schicksals beschaffen, jenes Instrument, mit dem Jesus am Kreuz die letzte Wunde zugefügt wurde. Wer aufmerksam Stigmata geguckt hat, weiß sofort, was los ist. Alle anderen Zuschauer haben kaum Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, warum das antike Ding überhaupt wichtig ist. Als John von der Sache erfährt, hat die Waffe schon ein armer Latino ausgegraben und den Stein ins Rollen gebracht. Im Zuge der Ermittlungen findet John heraus, dass der Sohn der Hölle außerdem ein menschliches Medium und göttlichen Beistand benötigt, um in unsere Dimension vorzudringen. Um die Menschheit unterjochen zu können, hat Teufels Sohn also noch einiges zu tun.
Dass John von seiner ewigen Qualmerei Lungenkrebs hat, dass die Hölle hinter seiner Seele her ist und dass die Zwillingsschwester der Polizistin Angela wahrscheinlich nicht freiwillig vom Hochhaus gesprungen ist, gerät dabei leicht aus dem Blickfeld. Aber keine Sorge. Zum Schluss finden alle Neben- und Hauptstränge der Handlung ihr Ende. Mäßig unterhaltsam, mit Animationen verfeinert und von Dialogen durchsetzt, die bei den Charakteren Tiefe vorgaukeln sollen, bleibt Constantine in erster Linie ein Hollywood-Film von der Stange. Wer Horror und eine düstere Grundstimmung mag, ist sicherlich gut beraten. Comicfans hingegen sollten lieber die Finger davon lassen und zu den Heften greifen.
Mit der Comicfigur John Constantine hat Keanu Reeves nur wenig gemeinsam. John ist Brite und trägt einen schmutzigen Trenchcoat. Er ist Kettenraucher, ein notorischer Einzelgänger und ein Spieler. Arroganz und Sarkasmus zeichnen ihn aus. Unzählige Male spazierte er auf den Pfaden zwischen Himmel und Hölle, tanzte am Rande des Vulkans. Seine Gegenspieler sind manchmal Dämonen, manchmal Erzengel. Öfter hat er es jedoch mit Seinesgleichen zu tun, mit Menschen.
Die Welt von Hellblazer ist wie ein Blick hinter die Kulissen der Wirklichkeit. Seit er in seiner Jugend begann, sich mit Magie zu beschäftigen, wandelt die Hauptfigur John Constantine auf Wegen fernab der normalen Welt. Lust am Risiko und der Wunsch nach Macht haben ihn dazu getrieben, in jungen Jahren die dunkle Kunst der Magie zu erlernen. Inzwischen ist er ein reumütiger Sünder, ein Magier, der am eigenen Leib erfahren hat, was überirdische Macht anrichten kann. Auf seinem Weg ist er einsam geworden. Regelmäßig tauchen die Geister von toten Freunden auf und verfluchen ihn. John versucht sich einzureden, nichts mit ihrem Unglück zu tun zu haben und streitet jede Schuld ab. Inzwischen ist sein einziger zuverlässiger Wegbegleiter ein schlechtes Gewissen.
In Deutschland erscheinen John Constantines Abenteuer im Verlag Schreiber und Leser. In der Gesamtausgabe Erbsünde sind die ersten neun Hefte der Hellblazer-Reihe zusammengefasst. Obwohl es sich um eine Reihe von Einzelgeschichten handelt, lassen sich die Episoden einander zuordnen und in Zusammenhang bringen.
Die ersten beiden Hefte drehen sich um Freundschaft, Gier und falsche Entscheidungen. Gary Lester, ein alter Freund von Constantine, taucht plötzlich in der Londoner Wohnung des Magiers auf. Als John ihn findet, ist Gary über und über mit Insekten bedeckt. Ein summender Alptraum, dem der Magier pragmatisch entgegen tritt. Er läuft ins nächste Geschäft und kauft sechs Dosen Insektenspray. Nachdem die zuckenden Tierchen zu Tausenden den Boden von Johns Badezimmer bedecken, will er wissen, was los ist.
Gary ist verzweifelt und braucht dringend Hilfe. Er hat sich mit finsteren Mächten eingelassen. Wie es scheint, zog er bei einem Aufenthalt in Tanger die Aufmerksamkeit des Hungerdämons Mnemoth auf sich. Johns Nachforschungen führen ihn zunächst nach Afrika, dem Ursprung allen Übels, dann nach Amerika. In New York angekommen, erschöpft vom Jetlag und mit Gary im Schlepptau bittet er den berühmten Voodoo-Meister Papa Midnite um Rat und Hilfe.
Schnell zeigt sich, dass Mnemoth bereits angefangen hat, seine Fühler auszustrecken. Von Lester beschworen feiert der Dämon in der Metropole seine Ankunft. Einzelpersonen kommen in die Schlagzeilen, weil sie unersättlichen Hunger verspüren und daran zugrunde gehen. Ein Postbeamter stopft wie ein Besessener Essen in sich hinein, ein Juwelier frisst Edelsteine, ein Passant durchbricht das Schaufenster einer Fleischerei. Um das drohende Unheil aufzuhalten, hecken Midnite und Constantine einen teuflischen Plan aus, für den Gary Lester den Preis zu zahlen hat. (1: Hunger, 2: Festessen mit Freunden)
Heft 3 schildert, wie der Dämon Blathoxi versucht, mit einer Armee von dämonischen Juppies Seelen für die Hölle zu gewinnen. Die Geschichte spielt zur Zeit Thatchers und ist eine Parodie auf junge Finanzleute, die rücksichtslos das schnelle Geld machen wollen. (3: Going for it)
Im Mittelpunkt der Hefte 4 bis 9 steht die Auseinandersetzung zwischen der Damnation Army und den Erweckungskreuzrittern. Erstgenannte Gruppe wird von dem Dämonen Nergal angeführt und lebt unter der Erde in der Kanalisation. Letztgenannte ist eine Sekte von christlichen Fanatikern, die im Fernsehen Bibeln verkaufen und Seelenheil versprechen. Nur langsam wird Constantine auf den Zwist zwischen den Gruppen des Himmels und der Hölle aufmerksam. Spätestens, als seine Nichte Gemma entführt wird und er miterleben muss, wie ein kleines Dorf von Geistersoldaten heimgesucht wird, kann er sich der Sache nicht mehr entziehen. (4: Warte auf den Richtigen, 5: Wenn Johnny in die Heimat marschiert, 6: Extreme Vorurteile, 7: Der Geist in der Maschine, 8: Intensivbehandlung, 9: Auf dem Weg zur Hölle)
John Ridgway und Alfredo Alcala zeichnen die Welt von John Constantine recht grob, hauptsächlich mit dunklen Farben. Die Darstellungen entsprechen oft einer halbnahen oder einer nahen Einstellung, was nur wenig Abwechslung bringt. Ein paar mehr Details und Totalen hätten sicherlich nicht geschadet. Vielfältiger kommt die Seitenaufteilung daher. Keine geordneten Panels, sondern zerrissene, gestückelte oder zerbrochene Bilderfolgen durchziehen das Heft.
Die Geschichten von Jamie Delano sind von recht unterschiedlicher Qualität. Die Teile über den Hungerdämon Mnemoth, Papa Midnite, Gemmas Entführung und die Geistersoldaten gehören sicherlich zum Lesenswertesten, was die Hellblazer-Reihe zu bieten hat. Fesseln diese Episoden den Leser von Anfang bis Ende, so sind andere Passagen leider scheußlich langatmig geraten. Man spürt, dass die Macher noch auf der Suche nach dem Stil und der Sprache der neu entstandenen Reihe waren. Ausflüge in Computerwelten und Verweise auf Superhelden wirken aus heutiger Sicht in der Hellblazer-Reihe merkwürdig und beinahe lächerlich. Trotz holpernder Spannung und gelegentlichen Fehltritten war Erbsünde ein solider Start. Inzwischen ist John Constantine angekommen bei den Autoren, den Zeichnern und den Lesern. Der Verlag DC Vertigo hat mit Hellblazer eine Horror-Reihe erster Güte geschaffen, die zum Glück bis heute weitergeführt wird.
(chr)





