Der Banküberfall
Die Drei packten ihre Sachen zusammen, um einen ihrer
bisherigen größten Aufträge zu erfüllen. Ein Schieber
wurde vom Mitsuhama-Konzern angeheuert, Runner zu finden, die eine Lieferung
von Cred-Sticks an eine von Aztechs Banken abfangen sollten. Die erste
Gruppe hatte versagt, so mußte jetzt eine zweite rein, um die Sticks
aus dem Gebäude zu holen. Es würde ein höllisch schwerer
Auftrag werden, sagte der Schieber auf jeden Fall.
Jeder von ihnen war gespannt, denn sie hatten noch
eine Rechnung mit Aztech offen. John, Straßensamurai der Extra-Klasse,
mehr Maschine als Mensch, polierte seinen Cyberarm zum letzten mal und
überprüfte noch einmal seinen diamantverstärkten Zweihänder.
Der Zwerg der Gruppe, Ryker, lud seine Schrotflinte nach und packte sich
ein paar extra Ladestreifen ein, denn diesmal sollte es keine Überlebenden
geben. Devil, der Magier, bereitete schon einige Zauber vor, die ihm schon
so oft das Leben gerettet hatten. Aber er vergaß nicht die zwanzig
Kilogramm Plastiksprengstoff, die er Aztech "schenken"
wollte.
Der Schieber wollte die Besten, also holte er sie
sich auch. Er heuerte das "Pain System" an,
auch wenn zwei der Mitglieder nicht dabei waren, Nolan, ebenfalls ein militanter
Straßensamurai und Cosmo, ein eher schwächlicher aber erfahrener
Decker. Sie waren sich sicher, das sie die beiden nicht brauchen würden.
Während Devil und Ryker immernoch ihre Waffen
checkten und in ihre Halfter steckten, parkte John den vollgepanzerten
Mercedes L800-Pullman ein paar Straßen von der Bank entfernt. Sie
hatten keinen genauen Plan ausgearbeitet, sie arbeiteten immer spontan,
was sie häufig in verzwickte Situationen brachte, aber bis jetzt hatten
sie überlebt.
John würde einfach mit seinem Deck über
Satellit in das Computersystem der Bank eindringen und die Sicherheitsmaßnahmen
wenigstens kurzzeitig ausschalten. Eine Minute würde reichen.
"Alles bereit, John?",
fragte Ryker mit seiner tiefen Stimme, während er sich seine mit grünen
Blitzen verzierte Eishockey-Maske über das Gesicht zog.
"Ich bin gleich so weit, einen
Moment noch...", murmelte John, der sich völlig der virtuellen
Welt hingab, nachdem er sich in sein Deck eingestöpselt hatte. Vor
ihm baute sich eine Welt voller Gefahren auf, die ihn entfernt an "Alice
im Wunderland" erinnerte. Aber er hatte keine Zeit zu vertrödeln.
Er lud die Such- und Analyse-Programme in den Speicher und achtete nicht
auf seine Deckung. Schon nach kurzer Zeit machte er ein Abwehr-Programm
auf sich aufmerksam, das in Form eines Pik-Buben auf ihn zustürmte,
bewaffnet mit einer langen, gewundenen Lanze.
"Verdammtes Schwarzes-IC...",
knirschte er vor sich hin, ohne zu merken, das seine Freunde ihn fragend
anguckten, da sie nicht sahen, was John wahrnahm. Schnell wich er dem Angriff
mit einem seiner Programme aus und lud sein Angriffsprogramm, mit dem er
das IC in den virtuellen Himmel befördern würde, in den Hauptspeicher
seines Decks.
Plötzlich erschien ein riesiger Raketenwerfer
vor Johns virtueller Gestalt. Ein leichtes Grinsen huschte ihm über
das Gesicht, als er in diesem sein Angriffsprogramm erkannte. Der Programmierer
hatte sich wirklich was einfallen lassen. John würde Cosmo dafür
nocheinmal danken, später jedenfalls. Er feuerte einen multiplen Sprengkopf
auf das IC, welche dieses auch gleich dorthin brachte, wo es herkam.
"Hab ihn...", war das
einzige was Ryker und Devil von dem Kampf mitbekamen. Sie verstanden nicht
viel vom Virtuellen, deshalb bemannte Ryker den Geschützturm und Devil
versuchte das Gebäude und die Umgebung astral zu erkunden. Er entspannte
sich und zuckte ein wenig, als sein Geist seinen Körper verließ
und durch die Hülle des Autos flog. Er schwebte auf den Eingang zu,
entdeckte aber sofort, daß das gesamte Gebäude durch einen mächtigen
Wassergeist geschützt wurde.
"Ich hasse Wasser...",
sagte er zu sich selbst, als er den Weg zurück in seinen Körper
suchte.
"Ich habe die Eingangstür
genau im Visier... Ich könnte sie jetzt einfach wegballern... Einfach
so...", brüllte Ryker aufgeregt.
"Nein, Ryker, wir sollten
nicht zu auffällig rein...", ermahnte ihn Devil, der versuchte
seinen geschwächten Körper aufzurichten.
"So, jetzt bin ich im Sicherheitssystem...",
flüsterte John. Sie hatten Schwierigkeiten das überhaupt zu verstehen.
Es dauerte weitere dreißig Sekunden bis John sich ausstöpselte.
"So, der Eingangsbereich ist
durch einen Metalldetektor gesichert. Bei Alarm wird ein Gas freigegeben,
welches durch luftdichte Türen im Eingangsbereich gehalten wird."
"Mist, ich habe die Gasmasken
vergessen...", fluchte Ryker und hämmerte mit seinem Kopf gegen
die Amaturen des Geschützturms.
"Die brauchen wir nicht...",
klärte John sie auf, "...das
Gas wird in ungefähr...", John schaltete
seine Retina-Uhr ein, "...zwanzig
Sekunden losgehen und die Türen werden sich nicht schließen...".
Ein breites Grinsen verdeckte fast sein ganzes zernarbtes Gesicht. Aber
anstatt einer Menge Lob bekam er bloß böse Blicke.
"Was ist?", fragte er verwundert.
"Was ist mit der Eingangstür?",
fragten beide mißtrauisch, wie aus einem Munde.
"Hmm... Die ist zu..."
"Dann ändere das...", Devil wurde langsam wütend.
"Geht nicht... Ich habe den Server gegrillt, da kommen wir so nicht mehr rein... Wir müssen sie anders öffnen..."
"Ich kann die Tür öffnen, soll ich, soll ich?", Ryker visierte die Tür an.
"Nein Ryker, das Gauss-Geschütz macht zuviel Lärm. John bekommst du die Tür so auf?"
"Natürlich!", John tätschelte seinen Cyberarm.
Also schnappten sie sich ihre Waffen und sprangen
aus der Limousine. John trat vor die Eingangstür aus Panzerglas, im
Gebäude sah man wie Kunden, Angestellte und Wachen gleichermaßen
zusammenbrachen, als sie nach Luft schnappten. John holte aus und schlug
zu... Erst bildete sich ein kleiner Riss in der Tür, der sich langsam
ausbreitete, bis die gesamte Tür in Scherben auf dem Boden lag....
"Unauffällig, John?",
fragte Ryker als er an John vorbei in die Bank tritt. John ging achselzuckend
hinterher.
"Wir sollten die hier mal
alle erledigen...", mischte sich Devil ein.
"Ich glaube die sind schon
tot. Was war das für ein Gas, John?"
"Ich weiß nicht, erschiessen
wir sie einfach alle..." John und Ryker zogen ihre Savalette Guardians
und verpaßten jeder Person, die auf dem Boden lag einen Kopfschuß.
Devil hingegen konnte nicht widerstehen und holte seine Schrotflinte unter
seinem Mantel hervor und zertrümmerte ein paar Schädel mit dem
Kolben der Flinte.
"Ich hab den letzten!",
rief Devil als er das Blut von seiner Schrotflinte leckte.
"Dann kümmere ich mich
jetzt mal um den Tresor...", rief John quer durch den Raum.
"Wie, der ist noch nicht offen?
Wir haben nicht mehr viel Zeit. Bald wird die Verstärkung eintreffen!",
Ryker war sichtlich erzürnt.
"Pass du auf die Tür
auf, Ryker, John öffnet den Tresor, während ich mich um die Leichen
kümmere, ok?"
"In Ordnung...", Ryker
postierte sich widerwillig hinter einem Tresen, von dem aus er den Eingang
sehen konnte. John zog ein zweites mal sein Cyberdeck und stöpselte
sich direkt in den Tresor ein.
"Ich dachte er hätte
den Server zum Absturz gebracht...", sagte Ryker, gerade in der
Lautstärke, so das John ihn nicht hörte.
"Muß wohl einen eigenen
Server haben...", gab Devil von sich, während er ein paar Leichen
stapelte.
"Was machst du da?",
fragte Ryker, nachdem er Devil eine Zeit lang zugeschaut hat.
"Ich stapel die Leichen..."
"Das sehe ich, wozu?"
"Ich brauche ihr Blut..."
"Wozu? Soll ich dir alles aus der Nase ziehen?"
"Ich will mit ihrem Blut ein Pentagram zeichnen."
"Warum, verdammt?"
"Warum nicht?"
"Ich gebe es auf...", Ryker seufzte und konzentrierte sich wieder auf die Eingangstür und
schaltete die natürliche Infrarotsicht seiner Zwergenaugen ein.
"Ich bin fertig!",
grölte John, als er sein Deck wieder in seinen Rucksack stopfte.
"Groovy!", Devil stürmte zu ihm, "Ich helfe dir die Rucksäcke zu füllen..."
"Macht zu, ich habe ein schlechtes
Gefühl...", als Ryker seinen Blick wieder zur Tür wandte,
konnte er kaum glauben was er sah...
In der kurzen Zeit wurden zwei Ares Citymaster vor
der Eingangstür geparkt und aus jedem sprangen acht Soldaten, von
denen die hälfte die Bank unter Beschuß nahmen. Ryker konnte
sich gerade noch unter den Kanonenschüssen wegducken. Die fünfzehn
Zentimeter langen Geschosse zerrissen die hintere Wand der Bank.
"VERDAMMT!!! MACHT ZU!", brüllte Ryker wutentbrannt.
"Ich hatte es gesagt... Ich
hatte es gesagt... Aber sie wollten nicht auf mich hören, die gottverdammten
Arschlöcher... FRESST BLEI!!!!", Ryker sprang auf und schoß
mit seiner Schrotflinte panzerbrechende Geschosse auf die Soldaten. Vier
fielen zu Boden, während drei der riesigen Geschosse Ryker zu Boden
rissen...
Zuerst spürte er nur Schmerzen, aber sein Gehirn
schaltete diese aus. Als er zu seinen Beinen schaute, konnte er, zu seinem
Glück, feststellen, das seine Beine noch dran waren, davon abgesehen,
das sein neuntausend Nuyen Anzug hin war und er sich neue Kunsthaut für
seine verstärkten Cyberbeine kaufen müßte. Jetzt war er
erst richtig wütend.
"Acht
kommen von hinten! Die hol ich mir. John, hol dir die vier Vorne. Devil
schnapp dir die Sticks!", Ryker stürmte durch das Loch in der
Hinterwand und stand in einer abfallbeladenen Gasse. Sein Herz raste. Er
drückte sich an die Reste der Wand und lud nach.
Inzwischen rannte John, so schnell wie ihn seine
mit Bioware aufgebesserten Beine tragen konnten, mit zwei gezückten
Guardians auf die vier Soldaten vor der Bank zu. Zwei Meter vor ihnen schoss
er jedem eine Salven mitten ins Gesicht. Die EX-Explosivgeschosse liessen
nicht viel übrig, woran sie noch hätten identifiziert werden
können.
Ryker nahm sich vier der Soldaten hinter dem Gebäude
vor. Die anderen vier schienen von der anderen Seite zu kommen, so das
Ryker mit den Rücken zu ihn stand. Als Ryker seiner Schrotflinte Zeit
zum abkühlen gab, hörte er hinter sich, wie die Sturmkanone der
anderen Soldaten anfing zu arbeiten. Aber als er herumfuhr sah er nur noch
wie die Soldaten in einem riesigen Feuerball verschwanden und zu schreienden,
laufenden Fackeln wurden. Ein grinsender Devil warf Ryker einen Rucksack
voll Sticks zu,
"Da sind noch zwei weitere..."
"Da kommt noch ein Hubschrauber
und zwei weitere Trucks! Wir müssen hier raus!", gröhlte
John, während er versuchte zu verstehen, was sein Funkabhörgerät
von sich gab...
"John, schnapp dir die bei...",
weiter kam Devil nicht, da ihn ein Schuss von den Sturmkanonen der Fackeln
traf. Ryker zerlegte die Überreste der Soldaten in Einzelteile mit
seiner Streitaxt, die er immer auf seinem Rücken trug...
"Verdammt Devil!",
brüllte John und stürmte auf Devil zu.
"Ahhhh.... Lasst mich zurück,
ich gebe ihnen einen Empfang, den sie nie vergessen werden...",
zischte er, während er sich in eine Ecke kauerte und den Plastiksprengstoff
bereit machte.
"Lauft...", brüllte
er...
John schnappte sich die restlichen zwei Rucksäcke
und rannte durch die zersprengte Wand zu Ryker, da schon die nächsten
beiden Trucks vor der Bank hielt. Rykers Geräuschverstärker hörten
noch, wie Devil einen Unsichtbarkeitszauber wirkte. Wie oft hatte dieser
ihnen schon das Leben gerettet?
"John, wie kommen wir hier
weg? Der einzige Weg führt an dem Gebäude vorbei zu den Bullen!"
"Streng doch deinen Zerebralbooster
an und halt die Klappe, Zwerg!"
Die ersten Soldaten schlichen vorsichtig in das Gebäude, als einer
ihrer Suchscheinwerfer direkt auf die Stelle leuchtete, wo Devil eigentlich
sitzen müsste, blendeten sie ihn so stark, das er die Konzentration
verlor und den Zauber fallen ließ. Alle acht Soldaten richteten ihre
Sturmkanonen auf ihn, aber sie kamen nicht mehr dazu abzudrücken...
"VIEL SPAß!!!",
schrie Devil als er den Auslöser drückte.
Die Wucht der Explosion zerfetzte sämtliche
Wände des Gebäudes und John und Ryker wurden durch das gegenüberliegende
Gebäude geschleudert. Sie knallten gegen dessen Steinwand, die riß
wie Papier. Ryker landete perfekt auf seinen Beinen mit Sprunghydraulik,
während John etwas unsanft, aber dennoch unverletzt auf der anderen
Straßenseite landete.
Als sie sich umblickten, sahen sie wie das Hochhaus
einstürzte.
"Wenigstens haben wir die Sticks...",
sagte Ryker, als er seinen Blick abwandte...
"Warte hier, ich hole den Mercedes... Ich hoffe
dem ist nichts passiert...", John schlich sich, wahrscheinlich zum
ersten mal in seinem Leben, unauffällig zu seinem Wagen...