Der einsame Krieger
Ein anfangs ohrenbetäubendes Stimmengewirr durchbrach die Stille und das grelle Licht verschwand und machte einer Straße Platz auf der zahlreiche farbenfrohe Menschen ihren Geschäften nachgingen. Das Moongate schloß sich geräuschlos hinter ihm und seine restlichen Sinne sammelten sich wieder. Leicht verwirrt nahm er das Geschehen um sich herum zur Kenntnis und richtete sich in seinem Sattel wieder auf. Sein treues Ross hatte ihm auch diesmal wieder gute Dienste geleistet, aber die Schlacht war vorbei und die Wunden waren tief. Er führte sein Pferd langsam durch die ihm wohlbekannten Gassen und erreichte schließlich einen Laden, indem er genügend Verbandsmaterial erwerben könne. Als er wieder aus dem Laden kam und seine Verletzungen provisorisch behandelte, bemerkte er eine kleine Hand, die nach seinem Geldbeutel griff. Blitzschnell fuhr er herum und ergriff den Arm des Diebes. Aber was er sah war kein Schurke, sondern ein untersetzter kleiner Junge, der ihn mit großen runden Augen ängstlich anschaute. Er ließ ihn los und gab ihm ein paar Goldstücke und ein wenig seines Brotes. Britain, die Stadt in der Reichtum und Armut aufeinanderprallen. Er mochte die Stadt nicht, er war hier zwar aufgewachsen, konnte sich aber nie mit den hier gängigen Zuständen zufrieden geben.
Dies war einer der vielen Gründe, warum er die Stadt und seine Eltern verließ und das Abenteuer in der großen Welt suchte. Er war sechzehn Jahre alt und hauste nun in den Wäldern. Geschickt erlegte er kleinere Tiere, um sich zu ernähren und deren Felle zu verkaufen. Es brachte ihm nicht viel Geld, er konnte davon jedoch leben, und das ohne jegliche Sorgen.
Vielleicht würde der kleine Junge auch einen Weg finden, zu überleben. Aber mit Diebstahl würde er sich nicht über Wasser halten können, wenn er sich weiter so ungeschickt anstellen würde. Die Schmerzen der noch unversorgten Wunden rissen ihn aus seinen Träumen und veranlaßten ihn, wieder seine Behandlung aufzunehmen. Nach ein paar Stunden hatte er alle Besorgungen abgeschlossen und die ganzen Beutestücke vom letzten Feldzug verkauft. Inzwischen hatte er ein kleines Vermögen auf seiner Bank angehäuft und spielte mit dem Gedanken, sich ein kleines Haus außerhalb der Stadt zu kaufen. Das ständige wohnen in den Herbergen und Gasthäusern war nichts für ihn. Er war schon immer ein Einzelgänger und liebte die Einsamkeit. In seinen frühen Jahren, als er noch im Wald jagte, stieß er eines Tages auf ein Schlachtfeld.
Zahlreiche Leichen lagen verstümmelt auf dem Platz. Einige noch lebende Krieger krochen hilflos über den Boden und hauchten ihren letzten Atem aus. Es war ein schauriger Anblick und er mußte sich nicht nur einmal übergeben. Nach einiger Zeit hatte er sich wieder gefaßt und stellte sich dem Übel. Vergebens versuchte er den Sterbenden zu helfen. Er erfuhr von denen die er versorgte, daß sie von einer Horde Orks, begleitet von einigen Ettins, überfallen wurden, sie in einen Hinterhalt gelockt wurden. Sein Vater erzählte früher oft Geschichten über die Orks, furchterregende schwertschwingende Biester, die nichts anderes im Sinn haben als zu töten. Aber in keiner dieser Geschichten und Legenden kam je ein Ettin vor, so daß er nicht die geringste Idee hatte, worum es sich da handelte. Die großen Fußspuren, die er zwischen den Leichen fand, ließen ihn nichts gutes ahnen. Ebenfalls hatte er nie gehört, daß so weit nördlich Orks anzutreffen sind. Normalerweise halten sie sich weiter südlich auf und ärgern die Bewohner Trinsics.
Diese Spuren und die Tatsache, daß die Orks ihr Revier verlassen hatten, weckten seine Neugier, auch wenn sein Verstand von seiner Idee abriet. Er suchte eine Leiche, die in etwa seine Größe haben dürfte und streifte ihr den Kettenpanzer vom Körper. Es tat ihm in der Seele weh, die Ruhe eines Toten zu stören, er wußte aber, das es nötig war. Ebenfalls schnallte er sich einen Waffengürtel um und steckte eines der vielen verstreuten Schwerter in eine der Scheiden, die er gefunden hatte. Der Kettenpanter lastete schwer auf seinen noch jungen Schultern als er schnellen Fußes den Spuren Richtung Norden folgte.
Der neue Helm saß perfekt und auch die neuen Plattenhandschuhe waren kaum zu spüren. Seine alte Rüstung hatte einiges im letzten Kampf abbekommen, er wollte aber nicht die gesamte ersetzen, da er sich zu sehr auf ein eigenes Heim freute. Diesmal würde er aber ohne sein Pferd losziehen, da es sich erst einmal von den Strapazen der vergangenen Woche erholten sollte. So brachte er es in den nächsten Stall und übergab es dem Besitzer. Zwar würde ihn die schwere Rüstung ohne sein Pferd erheblich verlangsamen, der Schutz war ihm aber wichtiger.
Es wurde dunkel aber er ging weiter, auch wenn es schwierg wurde, den Spuren in der Nacht zu folgen. Nach ein paar Stunden stieß er auf eine kleine Lichtung in der ein Feuer den mittleren Teil ausleuchtete und wild tanzende Schatten auf die umliegenden Bäume warf. So leise wie es ihm die Rüstung erlaubte, schlich er sich heran. Die Ketten klirrten leise und er betete, daß man ihn nicht bemerken würde. Schwer atmend kauerte er sich hinter einen breiten Baum und spähte durch das ihn umgebende hohe Gras. Er spührte die Müdigkeit und die schweren Ketten auf seinen Schultern, sein Herz raste und sein Magen knurrte. Schweiß rann von seiner Stirn und blendete ihn als er seine Augen erreichte. Erschöpft rieb er sich die Augen und verdrängte den Gedanken an einen saftig gebratenen Hasen und konzentrierte seinen Blick auf das Geschehen am Feuer. Ein Dutzend oder mehr in Lumpen gehüllte humanoide Kreaturen saßen im Kreis um die Feuerstelle und tranken lautstark aus riesigen Humpen. Er verstand nicht, was sie sagten, da er zu weit weg war, die Fetzen die er mitbekam waren größtenteils in orkischer Sprache, derer er nicht mächtig war. Einer der Orks, für was er sie hielt, schien einen der gefallenen Menschen nachzuahmen was er durch ausschweifende Gesten untermalte. Er spottete über sie, stellte es so dar, daß sie um ihr Leben flehten. Vielleicht war es so, vielleicht aber auch nicht, es war auf jeden Fall barbarisch, sich über die Toten zu amüsieren.
Er zog sein Schwert und hielt es ins Licht und überprüfte die Schärfe. Der Händler hatte recht, es ist wirklich eine einmalige Klinge, er würde sie wohl behalten. Er schob es zurück in die Scheide und schulterte seinen Rucksack. Er stöhnte etwas, denn das Gewicht der Ausrüstung war deutlich zu spüren. Da beim letzten Kampf sein Bogen den Geist aufgegeben hatte, war es ihm nun nicht mehr möglich Tiere ohne große Anstrengung zu jagen. Die Bögen die ihm der Händler angeboten hatte waren alle minderer Qualität. Entweder würde die Sehne bei geringster Belastung reißen oder das Holz würde einfach brechen. Vielleicht würde er sich unterwegs einen anfertigen, wenn er die Zeit dazu finden würde. Bevor er jedoch aufbrach, zog er einen schartigen Dolch aus seinem Mantel. Er war vollkommen wertlos und für nichts mehr zu gebrauchen. Aber es war die erste Waffe aus Metall, die er je besessen hatte und er würde ihn nie hergeben.
Schwer und unhandlich, das waren seine Gedanken. Er hatte keinerlei Übung mit solch einer Waffe, sie war eigentlich viel zu groß für ihn. Aber von einem Dolch würden die Orks sich wohl kaum beeindrucken lassen. Ob das Schwert es ändern würde? Er malte sich seine Chancen aus und wieder bekam er seine Schwäche, seine Müdigkeit zu spüren und sank zurück in seine Deckung. Sein Herz raste noch immer, es würde ihm aber nichts anderes übrig bleiben, er konnte nicht umkehren, er mußte die Gefangenen retten. Er faßte seinen gesamten Mut zusammen und erhob sich langsam. Als er wieder über das Gras spähte sah er einen der Orks auf ihn zukommen. Nicht direkt, aber es war die ungefähre Richtung. Schnell huschte er wieder zurück und bewegte sich langsam rückwärts, wobei er genau darauf achtete, daß der Ork ihn nicht sehen konnte. Wieder in Deckung, wagte er einen erneuten Blick und konnte gerade noch erkennen, daß das Monster hinter ein paar Bäumen verschwand, sein Blickfeld verließ. Ein paar Sekunden später kam er zurück und ging in Richtung Feuer. Nachdem er ihn etwas genauer angesehen hatte, stellte er fest, daß es sich um einen anderen Ork handeln müsse, da er auf einmal eine riesige Axt anstatt eines gewaltigen Hammers in seinen Händen hielt. Was war passiert, hatte er seine Waffe gewechselt? Wohl kaum. Die Neugier packte ihn, auch wenn sein Verstand mal wieder rebellierte.
Allein der Gedanke daran, sie zu töten, gefiel ihm nicht. Es mochten Barbaren sein aber es waren dennoch Menschen. Und sie wollten doch bloß ihr Land verteidigen. Aber das Gold war verlockend, es wurde allerdings nur pro Kopf bezahlt, pro abgeschlagenen Kopf. Nein, er hatte den Auftrag nicht angenommen. Er war sich auch nicht sicher, ob es Lord British überhaupt genehmigt hatte. Von politischen Dingen hatte er allerdings noch nie viel Ahnung. Er würde sich nicht in die Angelegenheiten des Fürsten einmischen, sondern das Land bereisen und versuchen genügend Geld aufzutreiben. Genügend Geld, wofür eigentlich? Er besaß bereits eine hervorragende Ausrüstung und ein treues Pferd. Da fiel im wieder sein Haus ein, eher wie er es gern hätte. Er konnte es sich bildlich vorstellen.
Es sah ziemlich provisorisch aus, ein paar Zweige wurden in ein Gitter von Ästen geflochten und sollten wohl vor den gröbsten Wettereinflüssen schützen. Unter diesen kleinen Behausung lagen ein paar eingehüllte Gestalten und bewegten sich kaum. Da neben ihren von verschmutzten Kleiderhaufen Waffen lagen, ging er davon aus, daß es sich um weitere Orks handelte. Vor der kleinen Hütte saß der Ork, den er vorhin beobachtet hatte, sein schwerer Hammer lag vor seinen Füßen und er schnitzte gelangweilt an einem kleinen Stück Holz herum. Er sah sich um und entdeckte keine weitere dieser Kreaturen und schlich langsam um das kleine Lager herum, bis er hinter dem Wachposten kniete. Er war ungefähr vier Meter entfernt. Er atmete schwer und versuchte zur Ruhe zu kommen, so konnte es nicht mehr lange dauern, bis er bemerkt werden würde. Worauf also warten, er hob die lange Klinge in halshöhe und stürmte gebückt auf den Ork zu, wobei er versuchte zu vermeiden auf morsches Holz zu treten. Drei Meter. Zwei Meter. Ein Meter, ein halber. Der Ork erschrak beim Krachen eines gebrochenen Astes und fuhr herum. Bevor er einen Ton von sich geben konnte, grub sich eine Klinge in seinen Hals und er wurde dabei umgerannt. Nun lag er auf dem dreckigen Ork, spürte noch das Adrenalin und rollte sich zur Seite. Wieder auf den Beinen ging er langsam gebückt zu den schlafenden und schnitt einem nach dem anderen die Kehle mit dem Dolch durch. Fünf an der Zahl, seine ersten Orks, die er je getötet hatte. Es war ein feiger Mord, aber ein Tot, den sie verdient hatten.
Er hatte es sich langsam wirklich verdient. Schließlich war er alt genug, lebte schon fast ein halbes Jahrhundert lang auf Britannia. Allerdings wußte er nicht genau wie alt er war. Irgendwann hatte er aufgehört die Winter zu zählen, erst recht als er den Norden bereiste, wurde es nahezu unmöglich, den Sommer vom Winter zu unterscheiden. Es mochten mittlerweile ein paar Tausend Monster sein, die er geschlachtet hatte, dennoch spührte er immrnoch diese Leere in sich. Er sah in alldem keinen Sinn, mit dem Alter fing er immer mehr an, seine Taten anzuzweifeln. Sein Motive, welche waren sie? Anfangs war es das Überleben, später vielleicht sogar die Gier nach Geld. Oder war es der Ruhm? Davon hatte er bisher nicht viel, man kannte ihn zwar als Söldner aber nur wenige vertrauten ihm. Er war halt kein Menschenfreund, er war ein Einzelgänger. Es waren wahrscheinlich auch viele Wesen unter seinen Opfern gewesen, die es nicht verdient hätten. Warum sollte ein Reh es verdienen zu sterben? Wer macht es zum Glied in der Nahrungsketter, zum Opfer der stärkeren? Er schüttelte den Kopf, versuchte den Gedanken loszuwerden, redete sich sein, daß er derjenige sei, der es entscheide. Er war stärker, er hatte das Recht. Das Recht zu töten und außerdem hatte er Spaß daran. Hatte er?
Hatte er wirklich? Getrieben von von der Not. Er mußte es tun. Es war seine Pflicht, es ging um seine Ehre. Ehre... Niemand kannte ihn, wie sollte man da von Ehre reden? Getoetet. Einen Halb-Mensch, oder war ein Ork so etwas nicht? Nun hatte er sich entschieden, seinen Weg geebnet. Nie wollte er einem intelligenten Wesen etwa anhaben, das Elend in der Stadt war ihm genug. Aber jetzt war es vorüber, er raffte seinen Mut zusammen, sammelte seine Sinne, säuberte die Klinge. Es war noch nicht vorbei. Er sah sich um und entdeckte ein paar Soldaten, die an einem Baum gebunden waren, allesamt geknebelt. Gebückt schlich er zu ihnen und zerschnitt die Fesseln jedes einzelnen. Es hatte also einen Sinn, außer der Rache. Er hatte Leben gerettet, war allerdings noch nicht in Sicherheit. Mit ein paar Handzeichen erklärte er den Soldaten die Lage, wies sie an, sich leise zu verhalten. Gemeinsam schlich er mit ihnen, sieben an der Zahl, zurück zu dem Lager, das er überfallen hatte. Sie sahen von einem Angriff auf die noch am Feuer sitzende Horde ab und nahmen nur so viel Waffen und Rüstungen von den gefallenen Orks mit, wie sie tragen konnten, ohne daß ein schnelles Vorwärtskommen verhindert wurde. Anhand der Sterne fiel es ihm nicht schwer die Richtung zum nächsten Stützpunkt der Garde Lord British's zu erahnen. Da den anderen die Augen verbunden waren, und daher nicht wußten wohin die Orks sie geführt hatten, fiel es ihnen schwer sich zu orientieren, so folgten sie ihm stumm.
Der Pfad war breit und schien häufig genutzt
zu werden, allerdings sah er keine Krieger die seinen Weg kreuzten. Lediglich
ein paar Bauern und Bergarbeiter liefen ihm über dem Weg. Selten verließ
er die Stadt Richtung Osten, diese Gegend hatte er bisher höchstens
sieben mal bereist. Es war in Verbindung mit Aufträgen, meistens einfache
Konvois, später auch ein paar Patrouillen. Diesmal aber war er auf
der Jagd, auf der Suche nach Monstern die das Land terrorisierten, auf
der Suche nach Ruhm, Ehre und vor allem Gold. Endlich wollte er sich zur
Ruhe setzen. Ruhe. Seine Tagträume endeten als er eine Horde Reiter
kommen hörte. Es kam aus dem Osten, wohin er ritt. Langsam ging er
an den Rand des Weges, um niemanden zu behindern. Es waren mindestens zwanzig
Reiter, alle schwer bewaffnet und selbst die Pferde waren gerüstet.
Mit einer Handbewegung hielt er einen Reiter auf.
"Seit gegrüsst. Wohin des Weges?", der Reiter brachte sein Pferd
zum Stehen und wandte sich ihm zu.
"Trinsic wird angegriffen. Hunderte von Orks. Sie brauchen jeden Mann.",
bevor er das letzte Wort ausgesprochen hatte drängte er sein Pferd
zu einem weiteren Galopp.
Trinsic angegriffen von Orks? Wenn nicht genügend Krieger ankommen
würden, würden viele Menschen sterben, Frauen und Kinder. Aber
er hatte schon zu viele Schlachtfelder gesehen, zu viele Menschen auf der
Reise vom Leben in den Tot begleitet, ihnen die letzten Minuten so genehm
wie möglich gemacht. Er wurde wo anders gebraucht. Er wartete bis
der letzte der Reiter nicht mehr zu sehen war und setze seinen staubigen
Weg fort.
Der Weg war steinig und es war dunkel. Nicht selten stolperte er müde über Wurzeln aber es gelang ihn meistens einen Sturz zu vermeiden. Den anderen erging es nicht besser. Bisher hatten sie kein Wort gesagt, der Schock stand ihnen noch ins Gesicht geschrieben. Es muß hart für sie gewesen sein, härter als er es sich vorstellen konnte. Er wollte es sich nicht vorstellen können. Wieviele Familien würden jetzt gerade um ihren Mann trauern, zumindest auf seine Ankunft warten, falls der Überfall noch nicht bemerkt wurde? Er sah sich zu seinen Begleitern um und überlegte sich, wie viele Familien sich in Kürze darüber freuen durften, daß ihr Mann noch lebte. Wie viele? Sie waren noch jung, älter als er, aber dennoch jung. Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß sie überhaupt eine Familie haben, warum hätten sie sich sonst zum Militär gemeldet? Es war höchstens noch eine Stunde Fußmarsch bis zum Stützpunkt, er glaubt nicht, daß er es noch schaffen würde. Er war müde, spürte jede Faser seines Körpers, die Strapazen des Tages lasteten schwer auf ihm. Es schien als hätte er Gewicht an seinen Beinen und als wenn Blei durch seine Adern fliessen würde. Mit Mühe schleppte er sich weiter und stütze sich an den Bäumen ab, die er passierte...