"Weiber, pah!" Schwerfällig kratzte sich der Seemann seine stoppelbärtige Wange. "Immer dasselbe mit ihnen. Erst rauben sie dir deinen Verstand, dann dein Gold und schließlich sind sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Auf und davon wie ein Blatt im Wind."

Arn bedachte sein Gegenüber mit einem Stirnrunzeln. Der kleine Kerl auf der anderen Seite des Tisches hieß MingTsu und gehörte zur Mannschaft eines Handelsschiffes, das in KuengKung Halt gemacht hatte, um Nahrungs- und Wasservorräte aufzufrischen. Wahrscheinlich hatte er nicht genug Gold in der Tasche, um sich während des Landganges eine Gesha leisten zu können, so dass er sich stattdessen betrank.

Eigentlich hatte Arn den Abend damit beschließen wollen, so viel Schnaps in sich hineinzuschütten, bis er vom Stuhl fiel und ins Bett getragen werden musste. Unversehens setzte sich jedoch MingTsu an seinen Tisch und begann über belangloses Zeug zu plaudern. Zufall? Seit kurzer Zeit hatte sich für Arn die Grenze zwischen Zufall und Schicksal verwischt. Darüber nachzudenken, bereitete ihm oft Kopfschmerzen.

Das Gespräch verlief zunächst sehr einseitig. MingTsu redete über zu teuren Schnaps, über seine jüngste Kneipenschlägerei, über Meerjungfrauen und über viele andere Dinge. Arn hörte zu, nickte beiläufig und trank. Nach einigen Krügen begann der Seemann Arn Fragen zu stellen. Woher er komme? Warum er hier sei? Wie es ihm hier gefalle?

Mit einfachen Worten versuchte Arn dem neugierigen MingTsu zu erklären, dass seine Heimat hoch im Norden, jenseits der Großen See lag und hauptsächlich aus kargen Ebenen, Eis und verschneiten Gebirgen bestand. Vor über einem Jahr hatte Arn dieses Land verlassen, um in der Fremde Abenteuer zu erleben; seitdem war er viel herumgekommen, hatte viel gesehen und viel erlebt. Manchmal zuviel, dachte er bei sich.

"Immer dasselbe. Glaube mir! Die Weiber sind bloß ein böser Scherz der Götter, um uns Kerle zu geißeln.", führte MingTsu sein Gerede fort.

"Ich glaube, Du hast mir nicht richtig zugehört." Arn klang wütend. "Die Frau, nach der ich suche, hat mir kein Gold gestohlen. Sie hat mir ein Geschenk gemacht. Ein Geschenk - verstehst Du?" Ein Geschenk, dessen Ehre nur wenige Sterbliche je erfahren haben, fügte er im Stillen hinzu.

"Ich verstehe Dich, Fremder. Du sprichst meine Sprache gut genug. Beruhige dich bitte."
Eine kurze Pause trat ein.
"Ich denke, Du solltest Deine Suche bald beenden.", sagt MingTsu. Arn blickte wortlos ins Leere, als hätte er die Worte nicht gehört. "Du bist doch ein gutaussehender Kerl, der leicht eine andere Frau findet. Wirst schon sehen! Im Schoße einer attraktiven Gesha verfliegt dein Kummer im Nu."
"Wenn es nur eine andere gäbe, die ihr ebenbürtig wäre. Du begreifst das alles nicht."
"Was begreife ich nicht?"
"Dass sie an ihren angestammten Platz zurückgekehrt ist. Es gibt wohl Nichts, das uns wieder vereinen kann.", Arn nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Krug. "Schließlich bin ich nur ein Sterblicher."
"Du solltest sie vergessen, Arn-san. Die Erinnerung quält dich, sie macht Dich krank."

Arn zeigte keinerlei Reaktion, sondern starrte weiter vor sich hin. Endlich erwiderte er: "Ja, vielleicht hast Du recht. Ich sollte sie vergessen."
Mit diesen Worte stand Arn auf, legte einige Goldstücke auf den Tisch, schulterte sein an die Wand gelehntes Zweihandschwert und verließ, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, das Gasthaus.
Erfrischend kühl empfing ihn die klare Nachtluft von Kueng Kung. Am Himmel zeichneten sich in dieser Nacht die Sterne ab, die Arn gleichzeitig so unendlich fern und doch vertraut vorkamen.

Er war erst wenige Schritte gegangen, als die Tür des Gasthauses aufgerissen wurde und MingTsu herausgelaufen kam.
"Arn-san, Arn-san!" Aufgeregt schwenkte er einen goldenen Gegenstand, den er in der Hand hielt.
Schnaufend kam der kleine Seefahrer vor Arn zum Stehen. "Ich glaube, dies hier gehört dir. Du hast es im Gasthaus liegen gelassen." Er gab Arn ein goldenes Stück Fell, das wie der buschige Schwanz irgendeines Tieres aussah. Funkelnd, als hätte sich zwischen den einzelnen Haaren das Sonnenlicht verfangen, erleuchtete es die Dunkelheit.
Arn nahm das Fell stumm entgegen. Seine Tränen verbergend dankte er MingTsu mit einem Kopfnicken und verschwand in der Nacht.

(chr)