Rollenspiele in digitaler Form, das hört sich verlockend an, oder? Keine nervigen Tabellenkriege mehr, Schlachten zwischen hunderten von Gegnern innerhalb weniger Minuten...

Das ganze klingt schon wieder fast zu utopisch, allerdings liegt man mit den Annahmen auch nicht völlig daneben. Aber wo genau liegt nun der Unterschied? Nun, im Grunde ist der Aufbau meist der gleiche, das grösste Problem gibt es bei der Umsetzung der freien Handlungsmöglichkeit, denn wie will man seinem Computer all die Dinge beibringen, die selbst ein Spielleiter erst nach zehn Minuten diskutieren versteht?

Die Gedanken machten sich wohl auch die Spielentwickler und so manch merkwürdiges Interface kam dabei heraus, im folgenden werde ich mal ein paar davon umreissen.

Das Ego-90°-RPG

Der Spieler sieht die Umgebung aus der Sicht seines Helden oder seiner ganzen Gruppe, während am Bildschirmrand das Inventory bzw. die Status-Schirme ihren Platz finden. Hier konnte man allerdings nur 90°-Drehungen durchführen und felderweise voranschreiten. Das machte die Level zwar übersichtlicher, komfortabler machte es das allerdings nicht. Die ersten dieser Art hatten nichtmal einen flüssigen Übergang zwischen den einzelnen Feldern bzw. eine flüssige Drehung, sondern man wurde einfach "gebeamt", was doch etwas Verwirrung stiftete. Praktisch war das System allerdings im Kampf, es gab zwar keine riesigen Strategien, dafür hatte man aber immer einen guten Überblick.
Eines der ersten erfolgreichen RPGs dieser Art war "Dungeon Master" oder zum Beispiel "Eye of the Beholder".

Das Ego-RPG

Die neuere Variante des eben vorher genannten bietet einen den, heute wohl jedem bekannten, First-Person-Shooter (Quake, Doom, Unreal etc.) ähnlichen Aufbau. Die Steuerung erfolgt mit der Maus oder etwas komplexer noch mit der Tastatur, wobei dann die Maus allerdings weiterhin zur Menüsteuerung zur Verfügung steht. Die Übersicht ist hier noch besser als bei der älteren Variante und nun konnte man die Dungeons bis in die letzte Ecke erforschen. Das Kämpfen bekam etwas taktischere Züge und Levelaufbau wurde allgemein komplexer.
Das erste erfolgreiche Spiel dieser Art war "Ultima Underworld", gefolgt von AD&D-Spielen wie "Ravenloft" oder "Menzoberranzan". Heutzutage folgt die "Might & Magic"-Serie diesem Modell und ist schon eher ein schlechter FPS als ein gutes RPG.

Das Third-Person-RPG

Spiele dieser Art dürften dank "Tomb Raider" wohl jedem bekannt sein, der Spieler betrachtet das geschehen, als wenn er hinter der Spielfigur hinterherlaufen würde. Das eignet sich zwar besser für den Kampf als die bisher genannten Systeme, dafür verleitet es die Programmierer leider zu oft zu Sprungeinlagen, die eigentlich in einem RPG nichts zu suchen haben.
Das was zum Beispiel in "Ultima 9" der Fall, welches dieses Spiel schon fast wieder zu einer Qual machte.

Das Iso-RPG:

Hier betrachtet der Spieler seine kleine Armee von oben oder in einer isometrischen Ansicht. Diese wechselt auch während des ganzen Spiels nicht und bietet immer einen guten Überblick. Allerdings gibt es meist Probleme, wenn ein Level in die dritte Dimension reichen soll oder Spieler in Räume gucken können, die sie eigentlich nicht sehen könnten. Das Problem wurde spätestens mit Nox anständig gelöst. Es gibt dort eine Art Blick-Schatten, der alles verdunkelt, wohin das Auge der Spielfigur nicht reicht. Dieses System bietet ein wesentlich taktischeres Kampfsystem, welches zum Beispiel Flankenangriffe und verschiedene Kampflinien ermöglicht.
Genutzt wurde dieses System in den späteren Teilen der "Ultima"-Reihe (6.-8. Teil), "Dark Sun" und heutzutage hauptsächlich in Spielen wie "Baldur's Gate".

Das Igo-RPG

Dieses System war eine Mischung aus dem Ego- und dem Iso-RPG. Hier wurde das Marschieren der Helden in einer 90°- oder neuerdings auch 360°-Welt dargestellt, während die Kämpfe in einer isometrischen Ansicht ausgetragen wurden. So vereinte diese Art die Vorteile der beiden "Väter" und schuf eine völlig neue Fan-Gemeinschaft.
Damals liessen Titel wie "Pool of Radiance" Spielekenner in Ehrfurcht erstarren, heute wird über dieses System eher müde gelächelt.

Das Japan-RPG

Auch hier ist der Name Programm, über 90% der Spiele dieser Art kommen aus Japan und besitzen das, was man aus Japan erwartet: Riesige Waffen, atemberaubende Effekte, grosse Augen, leichtbekleidete Frauen in Schuluniformen und unverständliche Witze. Aber all das gibt diesem System auch wieder den unverwechselbaren Charme. Die Spiele, die diesem System folgen, sind hauptsächlich für Konsolen entwickelt worden und sind daher meist nicht sehr komplex gestaltet. Das Reisen bzw. Erkunden von Gefilden und Landstrichen erfolgt in einer Vogelperspektive, während bei einem Kampf in eine Art Third-Person-Ansicht umgeschaltet wird. Der Spieler betrachtet den Kampf von der Seite und in meist rundenbasierten Kampfsequenzen hauen sich die Wiedersacher die Effekte um die Ohren. Von Taktik ist da meist gar keine Spur, eventuell nur etwas wie: Welchen Skill setze ich wann ein...
So simpel sich das anhören mag, Titel wie "Final Fantasy" lassen einem das Lachen schnell im Halse stecken bleiben. Denn diese Reihe hat mehr Fans als so manch anderes RPG überhaupt.

(pms)