Unter Quarantäne
Schon seit fünf Tagen ritten wir durch die
Savanne und nichts war passiert. Ab und zu entdeckten wir Rauch, der hinter
ein paar Hügeln aufstieg aber das war alles. "Kleine Dörfer. Die halten uns nur auf...", sagte Abakule jedesmal, wenn meine Schwester
sie flehend ansah. Sie haßte es, lange Strecken zu reiten, denn sie
war Magierin, weshalb ihre ganze Leidenschaft dem Streben nach Wissen gehörte
und sie glaubte nicht, dieses auf einem sandigen Pfad zu finden. Manchmal
schloß sie sich uns an, um ein wenig herumzukommen. Das sagte sie
zumindest, aber wir alle wußten, daß sie nur auf die Silberstücke
aus war.
Dieser Auftrag schien auch nicht gefährlich
zu sein, nur ein paar Briefe in ein Dorf abliefern und die Antworten zurückbringen.
Der Zwerg muß wirklich verrückt sein, soviel Gold dafür
hinzulegen. Was sollten wir uns beschweren, lieber zu gut bezahlt, als
gar nicht, oder? Aber er sah auch so aus, als wenn er es sich leisten könnte.
Das größte Textilgeschäft Throals nennt er sein eigen.
Der gesamte Verkaufsraum war ausgeschmückt mit der feinsten Seide,
die Wände verziert durch reines Marmor. Als wir in sein Büro
traten, um die Angelegenheit zu besprechen, verschlug es uns den Atem.
Nicht ein Schmuckstück stand herum. Lediglich ein paar Holzhocker,
die um einen spärlich mit Papier besäten Tisch standen, füllten
den Raum.
"Hier werden wir rasten!", unterbrach Abakule mit ihrer tiefer Stimme meine Gedanken.
Reiten, rasten, reiten, rasten, würden wir je etwas anderes machen? Ist dies das spannende Abenteuerleben, von dem uns erzählt wurde? Bisher hatte keiner von uns direkten Kontakt mit Dämonen
oder ähnlichem, das heißt, wir alle waren noch ziemlich unerfahren.
Nur wenige Narben zeugten von vergangenen Zeiten, auch wenn Abakules Gesicht
aussah, wie eine einzelne Narbe aber das ist bei Trollen wohl nicht ungewöhnlich.
Lu Pi, eine Windling-Schützin, flog los, um
Feuerholz zu suchen. Währenddessen kümmerte sich Bojazi um die
erschöpften Reittiere. Bojazi gehörte, genau wie ich, der Disziplin
des Schützen an, was uns irgendwie verband. Abakule holte erschöpft
ihren riesigen Weinschlauch hervor und nahm einen kräftigen Schluck.
Anscheinend würden wir sie in nächster Zeit nicht gebrauchen
können, denn wenn sie weiter so trank, würde sie, wenn die Sonne
völlig untergegangen wäre, wohl kaum noch stehen können.
So nahm der Abend seinen Lauf, Abakule betrank sich
fürchterlich und erzählte von Heldentaten, die sie in Wirklichkeit
nie begangen hatte. Wir störten uns aber nicht daran, schließlich
wollten wir keinen Streit anfangen und nur schnell wieder in unsere bequemen
Betten in Märkteburg. Lu Pi versuchte meine Schwester, Aetheela,
aufzumuntern, denn ihr sah man schon die Strapazen der Reise an. Sie geriet
völlig nach ihrer Mutter, auch sie haßte es, auch nur einen
Schritt vor die Tür zu tun. Um so schwerer fiel es ihr auch, unser
geplündertes und verbranntes Heimatsdorf hinter sich zu lassen. Aber
ich verdrängte die Gedanken und lauschte den verschleierten Worten
unserer Troll-Kriegerin, die gerade erzählte, wie sie einen Drachen
mit bloßen Händen erwürgte.
Die folgenden Tage und Nächte verliefen gleicher
Maßen, außer das Abakule nach zwei Nächten der Wein ausging.
Nun war auch sie darauf erpicht, eines der umliegenden Dörfer anzusteuern
aber diesmal war es Lu Pi, die Einwände erhob. Sie traute dem vertrottelten
Landvolk nicht, erst recht nicht, wo Charboyya, ihr Auftraggeber, sie vor
den Dörfern gewarnt hat. Überall könne der Einfluß
von Dämonen lauern und sie wußten, daß er Recht hatte.
Als weitere drei Tage verstrichen waren, erschien
ein Dorf am Horizont, welches der Karte nach Hanto sein müßte,
das Ziel unserer Reise. Erleichtert trieben wir die Pferde zu einem letzten
Galopp an. Ungehindert konnten wir in die Mitte des Dorfes reiten, wo uns
eine kleine Zwergin entgegentrat. Sie gab sich als Anführerin der
kleinen Gemeinschaft zu erkennen und fragte nach unserem Anliegen. Wir
zeigten ihr die Amulette, die Charboyya uns gab, bevor wir aufbrachen.
Aus ihrem Gesicht wich die sichtbare Anspannung. Erst jetzt bemerkten wir
die Wachen, die sich lautlos hinter uns aufgestellt hatten, als sie ihre
Waffen wegsteckten.
"Seit gegrüßt edle Reisende, man kann
nicht vorsichtig genug sein, überall lauert Gesindel oder Schlimmeres.
Kerago! Die Pferde! Wenn sie mir bitte folgen würden, ich bin sicher,
sie haben etwas, was sie mir überreichen wollen."
Sie führte uns in eine kleine Hütte, wo
uns ein reiches Mahl erwartete. Einige Dorfbewohner gesellten sich zu uns,
um ihre Briefe an sich zu nehmen und unseren Erzählungen zu lauschen.
Nun war Abakule wieder in ihrem Element. Nicht nur einmal mußten
die Gastgeber ihren Weinkelch nachfüllen. Schon nach wenigen Stunden
mußten wir sie zu Viert in eine abgelegene Hütte zerren, wo
sie sich ausnüchtern sollte. Lu Pi stellte sich freiwillig zur Verfügung,
um auf die Troll-Frau aufzupassen.
Schon öfter hatte sie im volltrunkenem Zustand
Schlägereien oder Schlimmeres angezettelt. Und wer soll einen betrunkenen
zweieinhalb Meter hohen Troll aufhalten? Ich mußte ein wenig lachen,
als Lu Pi sich meldete, denn ein Windling einen Troll aufhalten? Wie sollte
das möglich sein, so lange auf den Troll einreden, bis er einschläft?
Gut, da war Lu Pi die beste für, denn das war eigentlich ihre Stärke,
so lange reden, bis keiner mehr zuhört.
So verbrachten wir zwei Tage damit, die Briefe zu
verteilen und deren Antworten wieder einzusammeln. Unsere Rationen wurden
aufgefrischt und zu unserem Bedauern auch Abakules Weinschläuche.
Alles war für unsere Rückreise geplant, wir rüttelten Abakule
wach, die mal wieder letzte Nacht zu tief in den Kelch geschaut hatte und
erklärten ihr, daß wir aufbrechen mußten. Auf den Weg
zu den Pferden sahen wird, daß sich fast das gesamte Dorf versammelt
hatte. Wir drängten uns durch die Menge hindurch und sahen, was wir
nicht erwartet hatten.
Acht schwer bewaffnete und gerüstete Krieger
standen in ihrer Mitte. Die Anführerin war eine Obsidianerin, völlig
aus Stein, so sagt man zumindest. Wir hatten viel über solche Kreaturen
gehört aber sie nie selber zu Gesicht bekommen. Sie trug eine schwer
aussehende Fellrüstung, welche aus hunderten verschiedenen Tieren
zu bestehen schien. Um ihren Hals war ein schwarzer Seidenschal gewickelt,
der sie noch finsterer aussehen ließ. Auf ihrem Kopf trug sie einen
riesigen Knochenschädel, durch den sie jeden einzeln musterte. In
ihrer Linken balancierte sie einen riesigen Zweihänder wie andere
einen Zahnstocher.
Neben ihr stand ein nicht kleinerer Ork mit riesigen
Hauern. Seine Zähne erreichten schon beinahe seine blutunterlaufenen
Augen. Seine schwarze mit Totenkopfnieten verzierte Schuppenrüstung
ließ ihn nicht ungefährlicher als seine Anführerin aussehen.
An seiner rechten Seite hingen drei unterschiedlich lange Schwerter, von
denen eines bedrohlicher aussah als das andere. An seinem Auftreten konnte
man erkennen, daß er der stellvertretende Anführer war.
Ein weiterer Krieger, bewaffnet mit einer Armbrust
und einem Breitschwert, stand hinter ihnen. Er war ein Mensch, auch wenn
man ihn aufgrund seiner Gesichtszüge leicht mit einem Ork verwechseln
könnte. Er hatte die Armbrust im Anschlag, zielte aber auf niemanden
bewußt, obwohl wir wußten, daß er nicht zögern würde,
sie einzusetzen.
Die anderen fünf Soldaten standen hinter den
Dreien und waren so außerhalb meines Blickfelds.
Ich war gespannt wie nie, vorsichtig zog ich meinen
Bogen und legte einen Pfeil an. Niemand schien es bemerkt zu haben. Plötzlich
spürte ich etwas kaltes an meinem Nacken und wußte, daß
eine falsche Bewegung mich meinen Kopf kosten würde.
"Lass dass ssein.", zischte eine Stimme hinter
mir. Es schien einer der Krieger zu sein, aber wie ist er hinter mich gekommen?
Ohne weiter drüber nachzudenken senkte ich den Bogen und legte ihn
auf den Boden. Plötzlich ertönte die tiefe Stimme der Anführerin.
"Ich bin Moltaa. Anführerin dieser Truppe. Wir sind die Grimmige Armee." Sie ließ ihre Worte durch die Menge
treiben. Es war kein Geräusch zu hören, außer den wiederhallenden
Worten Moltaas. "Dieses Dorf steht unter Quarantäne." Ein Welle
des Entsetzen ging durch die Menge. Alle wußten, was es heißen
würde. Niemanden würde es erlaubt werden, das Dorf zu verlassen.
"Bringt mir die Anführerin dieses Fleckchen Elends. Ihr anderen verschwindet
in eure Hütten. Arrkhard, du sammelst alle Waffen und Rüstungen
ein. Gzoog hilf ihm." Dem Ork neben sich gab sie noch ein paar Anweisungen,
die wir aber nicht verstanden, da das Geschreie der Dorfbewohner ihre Worte
übertönten.
Ich drehte mich um und übergab meine Waffen
dem Ork, der immernoch hinter mir stand. Grinsend entledigte er mich auch
meiner Rüstung. Zusammen ging ich mit meinen Freunden zurück
in die Hütte, die uns die Tage zuvor zugewiesen war. Ich war außer
mir vor Wut. Wir versuchten Abakule davon abzuhalten, aus der Hütte
zu stürmen und jeden zu erschlagen. Nach ein paar blauen Flecken auf
unserer Seite gelang es uns dann auch. Was sollten wir bloß tun?
Wir hatten keine Waffen und keine Rüstungen. Wir könnten nichts
gegen die Grimmige Armee unternehmen.
"Wer sind die überhaupt? Die können
hier doch nicht einfach einfallen!", schimpfte Lu Pi.
"Das ist die Grimmige Armee. Vor einiger Zeit
entstand sie mit dem Ziel, alle Dämonen zu vernichten, die seit der
Plage übrig sind. Anscheinend glauben sie, daß in diesem Dorf
Dämonen sind." Als meine Schwester den letzten Satz vollendete,
sah ich Abakule zusammenzucken. Dämonen, damit hatten wir nicht gerechnet.
"Nein!!!", die verzweifelten Schreie einer Frau drangen
in unsere Hütte. Als ich an Bojazi, welche die Hütte als Erste
verlassen hatte, vorbei war, sah ich eine Frau, die dem großen Ork
hinterherrannte. Auf seiner Schulter trug er ein kleines Mädchen,
das laut weinte. So wie es schien war es die Mutter des kleinen Mädchen,
der es nicht gefiel, daß ihr Mädchen entführt wurde. Verständlich.
Das war zuviel für Abakule. Sie stürmte vor und versperrte dem
Ork den Weg.
"Was ist hier los?", donnerte sie. Ohne ein
Wort zu sagen schob der Ork sie mit einer Hand beiseite.
"Sie behaupten meine Tochter wäre besessen...",
wandte sich die Mutter an unsere Anführerin.
Eine kleine Gruppe löste sich aus der Menge der Dorfbewohner,
bewaffnet mit scharfen Werkzeugen. Der Vorderste, ein stämmiger Zwerg,
rannte auf den Ork zu, der das Mädchen trug. Sein Kampfgeschrei wurde
von der Faust des Orks unterdrückt, welche sich tief in seinen Magen
grub. Ächzend viel das noch zuckende Stück Fleisch zu Boden.
Nach einem Tritt des Tyrannen in die Rippen des armen Zwerges, lag er regungslos
da. Eine Frau stürmte schluchzend auf den nahezu leblosen Körper
zu.
"So wird das allen ergehen, die sich der Grimmigen
Armee widersetzen!", schrie der Ork mit einem selbstgefälligem
Grinsen, als er seinen Weg fortsetzte. Bedrückt zogen wir uns in unsere
Hütte zurück. Was sollten wir bloß tun? Ohne unsere Waffen
hätten wir keine Chance. Den Rest des Tages verbrachten wir damit
Abakule zu beruhigen. Lu Pi flog inzwischen zu den Dorfältesten und
beriet mit ihnen die Situation. Aber auch sie hatten keine andere Wahl,
als zu warten. Nur vereinzelt wehrten sich die Bewohner gegen die Tyrannei,
wurden aber sofort niedergeschlagen.
Am nächsten Tag hatten wir genug. Wir konnten
nicht länger in diesem Dorf bleiben. Bojazi ging los und sammelte
die restlichen Antworten auf die von uns gebrachten Briefe ein. So gut
wie alle Bewohner hatten neue Fassungen ihrer alten Briefe geschrieben,
in denen sie wohl die neue Situation schilderten, in der Hoffnung, daß
bald Hilfe kommen würde. Unser Plan war es, in einem passenden Moment
einfach aus dem Dorf zu stürmen. Die meisten Mitglieder der Armee
waren damit beschäftigt einen Zaun um das Dorf aufzubauen. Wenn wir
es bis zu den umliegenden Wäldern schaffen würden, wären
wir gerettet. Es war unsere einzige Möglichkeit. Unsere Pferde waren
ständig bewacht. Dort würden wir nicht herankommen, ohne gesehen
zu werden. Wir versteckten uns in einem der Häuser, welche am nächsten
am Ausgang lag.
"Jetzt!", rief Lu Pi und flog uns voran.
Wir rannten, als wenn ein Dämon hinter uns her war und wir wußten,
daß das wahrscheinlich sogar zutraf. Mit jedem Schritt, den wir zurücklegten,
wuchs unser Mut. Wir könnten es schaffen. Wir würden es schaffen.
Aber es sollte anders kommen.
"Alarm! Da wollen welche fliehen! Sie durchbrechen
die Quarantäne!", brüllte der Troll der Armee. Ich drehte
mich um und sah, daß er seine riesige Schleuder lud. Ich rannte weiter.
Ein leiser Schrei und ein daraufhin folgender dumpfer Knall verrieten mir,
wer getroffen wurde. Ein paar Schritte vor mir war Lu Pi auf die Erde geknallt.
Bojazi, die etwas zurückgefallen war, hielt kurz an, um Lu Pi aufzuheben
und weiterzurennen. Ich hörte hunderte von Knochen brechen, als Abakule
zu Boden ging. Wahrscheinlich hatte die Geisterbeschwörerin der Armee
zugeschlagen. Es war ein schrecklicher Anblick. Ohne uns umzudrehen rannten
wir weiter. Wir würden es nicht schaffen. Meine Beine wurde immer
schwerer und mein Herz raste. Der Wald war nur noch ein paar Sekunden entfernt.
Ein paar Sekunden zu viel. Ich hörte ein Geräusch, welches mir
bekannt vorkam, als wenn etwas die Luft zerschneidet. Einen Bruchteil einer
Sekunde später wurden Bojazi und meine Schwester zu Boden gestreckt.
Aus Bojazis Rücken ragte ein Bolzen, während Aetheela am Bein
erwischt wurde. Beide schafften es wieder aufzustehen. Erst jetzt bemerkte
ich, daß ich stehengeblieben war. Ich wollte weiterrennen aber mein
Körper
weigerte sich.
Zwei Bolzen, die mich trafen, zwangen mich zu einer Bewegung, einer Bewegung Richtung Boden. Ich spürte Schmerz. Nichts als Schmerz. Ich merkte, daß mein Herz langsamer schlug, dann wurde alles schwarz...
"Nicht bewegen...", ich kannte die Stimme.
Aber ich konnte sie nicht einordnen. Ich versuchte meine Augen zu öffnen
aber die daraufhin folgenden Schmerzen überzeugten mich eines Besseren.
Ich spürte Schmerzen, wenigstens ein Zeichen, daß ich noch am
Leben war. Ich versuchte zu sprechen, brachte aber nur ein Stöhnen
hervor.
"Hier trink...", langsam erinnerte ich mich... Wir waren auf der
Flucht. Wir... Abakule war tot. Was war mit den anderen? Abakule... Wasser
lief meine trockene Kehle herunter, als ich den Mund öffnete. Langsam
wagte ich einen erneuten Versuch und öffnete meine Augen. Das Licht
stach in meine Augen aber diesmal schloß ich sie nicht. Schmerzen...
Was hatte ich schon noch zu verlieren. Unsere Anführerin und damit
eine meiner besten Freundinnen war tot. Vielleicht auch noch mehr. Die
Intensität des Lichts nahm ab. Langsam erkannte ich ein paar Umrisse.
Die Sonne ging auf. Ich fühlte wie die Wärme ihrer Strahlen meinen
Körper stärkte. Bäume ragten hoch über mich hinaus
und beschützten mich mit ihrem Blätterdach. Ich fühlte mich
geborgen.
"Schlaf weiter. Morgen reisen wir weiter. Du
mußt zu Kräften kommen." Ich wollte antworten. Schmerzen
durchfuhren mich und ich verlor das Bewußtsein.
Als ich wieder erwachte öffnete ich gleich
die Augen. Ich war immernoch in einem Wald und es war dunkel. Ich bewegte
mich. Aber nicht von alleine. Ein Blick auf meine Beine zeigte mir, daß
ich geschleift wurde. Meine Beine. Sie waren völlig rot. Meine Kleidung
sah aus, als wenn sie in Blut getränkt worden wäre. Wieder spürte
ich die Schmerzen. Ein neuer Schmerz war dabei, den ich nur zu gut kannte.
Hunger. Ich wollte wieder etwas sagen, brachte aber nur ein Krächzen
heraus.
Wer auch immer mich zog hielt an. "Er ist wach.",
sagte eine weibliche Stimme. Sie war mir vertraut. Es war... meine Schwester.
Sie lebte also noch. Ich war wieder voller Hoffnung. Meine Schwester. Ich
hatte gesehen wie sie von Bolzen getroffen wurde und sie lebte. "Wir
müssen weiter... Wir kümmern uns später um ihn...",
ächzte eine andere Stimme. Die Selbe vom vorherigen Tag. War es überhaupt
einen Tag her? Ich hatte das Zeitgefühl völlig verloren. Wieviel Zeit
war überhaupt vergangen? Wo waren wir eigentlich? Alles wurde wieder
schwarz.
Als ich erneut erwachte, saßen meine Schwester
und Bojazi mir gegenüber. Als meine Augen sich besser an das Licht
gewohnt hatten, erkannte ich, daß auch sie verwundet waren. Provisorische
Verbände, vollgesogen mit Blut, übersäten ihre geschwächten
Körper.
"Wir haben es geschafft, Damien. Wir sind entkommen...
Aber... Abakule und Lu Pi...", brachte meine Schwester zögernd
hervor.
"Ich weiß...", unterbrach ich sie. Sie war sichtlich
erleichtert. Vielleicht weil ich wieder sprechen konnte oder weil ich ihr
die Last abgenommen hatte. Ich wusste es nicht. Ich wollte es nicht
wissen. Sie nahm mich in ihre Arme. Sie weinte.
"Kannst du aufstehen?", brachte Bojazi plötzlich hervor.
"Ich kann es versuchen...", ich sammelte meine Kräfte und Bojazi half mir auf.
Ich war etwas schwach auf den Beinen. Aber das war wohl kein Wunder.
Die Schmerzen waren fast alle verschwunden.
Nach ein paar Schritten fühlte ich mich wieder lebendig. Sie versorgten mich mit Beeren und etwas Fleisch. Das Wasser
war ihnen schon am Vortag ausgegangen. Wir hatten keine genaue Ahnung, wo wir uns befanden.
Vielleicht wurden wir auch noch von der Armee verfolgt aber die Wahrscheinlichkeit
war eher gering.
"Was wollen wir nun tun?"
"Wir müssen zurück nach Märkteburg.
Man wird uns wohl in keinem der kleinen Dörfer aufnehmen."
"Märkteburg? So weit werden wir nicht kommen.
Wir haben keine Waffen. Keine Rüstung. Keine Verpflegung und ebenso
keine Pferde.", Aetheela schien die Hoffnung völlig verloren zu
haben. Ich nahm sie in den Arm.
"Wir können es schaffen. Was die Waffen
angeht, die können wir uns besorgen.", Bojazi klang nicht sehr
besorgt. Sie war in der Wildnis aufgewachsen. Sie kannte beinahe nichts
anderes. Wir müßten uns wohl an sie halten.
"Nachts sollten wir reisen und tagsüber
rasten, so gehen wir den Sklavenjägern aus dem Weg."
"Sklavenjäger? Verdammt, die hatte ich völlig
vergessen.", nun schwand auch meine Hoffnung.
"Laßt uns aufbrechen...", Bojazi hatte
recht, um so eher wie aufbrachen, um so eher würde wir ankommen...
...oder auch nicht.
Wir marschierten ein paar Tage, ohne etwas besonderes
zu bemerken. Bewaffnet mit ein paar Stöcken und Steinen erlegten wir
kleine Tiere, die wir danach grillten. Die Magie meiner Schwester war dabei
eine große Hilfe. Ich glaube es war die Nacht des vierten Tages, in der
wir eine erleuchtete Lichtung sahen.
Langsam schlichen wir heran, verursachten aber einiges
an Geräuschen, was aufgrund unserer Verletzungen aber schlecht verhindert
werden konnte. Ein Lagerfeuer tauchte die gesamte Lichtung in ein beinahe
gemütliches Licht. Zwei zusammengerollte Kreaturen lagen um das Feuer
herum und eine dritte Person. Sie hielt Wache, war aber mehr daran interessiert,
den Schatten, welche vom Feuer erzeugt wurden, beim Tanzen zuzusehen.
"Was nun?", fragte ich, in der Hoffnung, daß wir weiterziehen würden.
"Ich kümmere mich um den Wachposten, ihr haltet die beiden anderen in Schach.", Bojazi schien entschlossen, die Gruppe anzugreifen.
"Wir können die doch nicht angreifen!", ich konnte es nicht fassen. Wir waren doch keine Banditen.
"Wie willst du das sonst überleben? Das
sind Jäger, die werden auch so in der Wildnis überleben. Wir
müssen sie ja nicht gleich töten. Siehst du ihre Waffen? Damit
können wir es schaffen."
Das klang überzeugend. Ich hob den Stock, den
ich zuvor aufgelesen hatte, und schlich mich an die Schlafenden heran.
Meine Schwester tat es mir gleich, während Bojazi sich wie eine Katze
auf den Wachposten zubewegte.
Wir überrumpelten sie ohne Schwierigkeiten, denn mit einem Angriff
hatten sie nicht gerechnet. Mit einem Schlag war jeder von ihnen im Land
der Träume. Und von dort würden sie nicht so schnell zurückkommen.
Wir nahmen ihnen ihre Waffen ab und auch die Rüstungen, wenn sie auch
nur gerade so passten. Wir nahmen auch ein wenig ihrer Wasservorräte
an uns und schlichen dann wieder davon. Ich fühlte mich miserabel.
Das war mein erstes Verbrechen. Ich wurde zwar dazu gezwungen, wenn auch
nur in gewisser Weise. Was blieb uns denn übrig? Sterben?
Einen Tag später erreichten wir ein weiteres
Lager. Auch hier war ein Feuer dabei die Bäume mit wilden Schatten
zu bewerfen. So wie es aussah, gab es hier aber keine Wache, was uns merkwürdig
vorkam. Wir verschanzten uns am Rande der Lichtung in einer Art Graben.
Ich
schoß einen Brandpfeil in die Mitte des Lagers. Sofort war es hellster
Tag, wenn auch nur für kurze Zeit. Der erste der Gruppe der hochschreckte,
war ein Windling, er flog in die Luft und schrie. Ich wollte auf ihn schießen
aber ich konnte nicht. Er erinnerte mich an Lu Pi. Ein Pfeil bohrte sich
durch seine Schulter und er stürzte zu Boden. Bojazi legte einen neuen
Pfeil an. Der Rest der Gruppe sprang auf. Es waren noch vier. Ein riesiger
Troll, der nach seinem zwei Schritt langem Schwert griff, rannte wie der
Rest der Gruppe in die Richtung, aus der sie die Gefahr vermuteten. Dadurch
das jeder in eine andere Richtung lief, fiel es uns schwer den Überblick
zu bewahren. Aber noch hatten sie uns nicht entdeckt.
Ein Elf, der in unsere Richtung rannte wurde von
einem der vielen mentalen Dolche, die meine Schwester zauberte, getroffen
und ging zu Boden. Ein weiterer Windling erhob sich in die Luft und warf
mit Feuerbällen um sich, in der Hoffnung uns zu erwischen oder zumindest
unsere Stellung zu offenbaren. Ich schoß auf ihn aber keiner meiner
Pfeile traf ihn. Ein Ork, offensichtlich auch ein Schütze, zog seinen
großen Bogen und nahm hinter einem Baum Stellung. Zwei Pfeile bohrten
sich dich neben seinem Kopf in das Holz. Er warf sich zu Boden und
versuchte die Richtung zu schätzen, aus der die Pfeile kamen.
Ich hörte einen lauten Schrei und als ich mich umdrehte, sah ich den
riesigen Troll. Er stand vor meiner Schwester. Er war wesentlich größer
als vorher. Nein, er schwebte in der Luft. Er flog ungefähr zwei Schritt
über ihrem Kopf in der Luft und stieß einen Schrei aus, der
einem des Adlers glich. Dann stieß er sich auf sie herab und schwang
seinen Zweihänder.
Er traf sie und was ich dann sah... Er hat sie...
Sie... Er traf sie an der linken Schulter und das Schwert trat an ihrer
rechten Hüfte wieder aus. Er hatte sie zweigeteilt. Ihr Oberkörper
flog in meine Richtung. Ich schrie. Ihr Blut bespritzte meine gesamte Kleidung.
Schwer atmend stand der Troll über der Leiche meiner Schwester. Das
Schwert gesenkt und die Muskeln angespannt schnaubte er wild. Er holte
ein weiteres mal aus und ich dachte es wäre vorbei. Aber da sprang
der Windling dazwischen, der eben noch die Feuerbälle geschleudert
hatte.
"Halt, Bruz, aus. Lass sie leben. Wir können
sie vielleicht noch gebrauchen.", dann wandte sich der Wicht an uns.
"Legt eure Waffen nieder und ihr werdet verschont.", wir taten wie uns befohlen.
Nun trat der Elf an uns heran und fesselte uns gekonnt. Der Ork begann
uns zu durchsuchen, wobei er die Amulette fand, die Charboyya uns gegeben
hatte, dieser verdammte Zwerg. Er kramte in seinen eigenen Sachen und brachte
ein identisches Medaillon hervor. Er guckte etwas verdutzt und zeigte es
dem Magier. Während dessen ging der Troll zu dem Windling, den wir
zu Anfang niedergeschossen hatten. Sie berieten eine kurze Zeit und dann
kam der Windling zu uns.
"Seit ihr diejenigen, die von Charboyya geschickt wurden und nicht zurückkehrten?"
Wir konnten die Frage leider nicht verneinen ohne
zu lügen, also sagten wir die Wahrheit. Wir erklärten ihnen alles
was passiert war und wie wir zu dem geworden sind, was wir waren. Sie verschonten
unser Leben und gaben uns ein wenig ihres Proviants. Aber es war mir egal.
Selbst wenn wir noch in Märkteburg ankommen sollten wäre es mit
egal. Mein Leben ist vorbei. Meine Schwester ist tot. Mehr als die Hälfte
meiner Freunde sind tot. Alle tot.